
Besuch bei Margriet de Moor
Morgenlicht flirrt durch die dünnen Scheiben, Wasser kocht im Flötenkessel auf dem Herd. Auf dem großen Tisch, der das Wohn- vom Esszimmer teilt, türmt sich ebenfalls Lektüre. Kataloge zu einer Picasso-Ausstellung, eine Biografie Fernando Pessoas, ein Bildband zu Giacommettis Skulpturen und in der Mitte ein Frühlingsstrauß. „Er ist von Alfred Brendel,“ sagt Margriet de Moor. Ihr Tizianrotes Haar ist hochgesteckt über wachen Augen. Eine tiefe Freundschaft verbindet die prominenteste Schriftstellerin der Niederlande mit dem Klavierphilosophen. Denn die Autorin, deren Bücher von Virtuosität und Rhythmus beseelt sind, ist selbst Pianistin und hing den Beruf an den Nagel, um nicht vor Menschenmengen aufzutreten. Dass sie nun bei Lesereisen im Rampenlicht steht, quält sie. „Hätte ich ahnen können, dass dies einer Schriftstellerin passiert?“